Initiative Messer sind Werkzeuge | Am Anfang war das Messer

Am Anfang war das Messer

Von: MF Mitglied "torel"

Eigentlich müsste es heißen: Am Anfang war der Stein, der scharfkantige Stein, der Vorläufer aller Messer. Dieser scharfkantige Stein stand am Anfang der Menschheitsgeschichte, am Anfang des Menschwerdens.

Der Fund eines natürlich entstandenen Exemplars hat wohl die frühen Vorfahren des Menschen auf seine Nutzbarkeit aufmerksam gemacht. Vielleicht ist einer dieser Vorfahren mit seinen nakten Füßen daraufgetreten, und der Schmerz, das fließende Blut und die klaffende Schnittwunde hat ihn über die Wirkung der Schärfe belehrt.

Auf welche Weise die Wirkung einer scharfen Schneide auch erkannt wurde, unsere frühen Vorfahren waren davon so angetan und fasziniert, dass sie begannen, scharfe Werkzeuge herzustellen. Die Nutzung scharfer Gegenstände zum Schneiden wie auch ihrer Herstellung ist dabei eine Kulturleistung, die den Menschen deutlich von der Tierwelt abhebt.

Primitive Ansätze der Werkzeugnutzung sind auch aus dem Tierreich bekannt. Manche Gruppen von Schimpansen z.B. angeln mithilfe von zugerichteten, d.h. von Laub befreiten Zweigen Termiten aus ihren Bauten oder benutzen Steine als Hammer und Amboss zum Nüsseknacken und geben diese Fähigkeiten auch an andere Affen weiter. Andere Formen der Werkzeugnutzung wurden bei Orang Utans (1) und Delfinen (2) beobachtet.

Dennoch sind diese Phänomene nicht mit der Werkzeugherstellung der frühen Menschen zu vergleichen:

„Der wesentliche Unterschied der ältesten künstlich hergestellten Steinwerkzeuge gegenüber dem 'Werkzeugverhalten' heutiger Affen lässt sich durch folgende Besonderheiten beschreiben: (1) Nicht vorgegebene Form, d.h. die Art des Werkzeugs ist – zumindest in ihren entscheidenden Zügen – nicht schon durch die Form des Rohstücks vorgebildet (wie etwa bei dem Stock, der nur von hinderlichen Verästelungen und Blättern befreit wird); die beabsichtigte Form wird vielmehr erst durch eine Zurichtung gewissermaßen aus dem Stein herausgeholt. (2) Nicht vorgegebene Funktion, d.h. die Werkzeuge sind keine Organprojektionen, keine Steigerung, Verstärkung oder Verlängerung von Körperorganen (wie etwa der Schlagstein eine Verstärkung der Faust, der Stock zum Heranholen und Stochern eine Verlängerung des Arms oder des Fingers), sondern sie waren zum Schneiden dienlich, d.h. für eine wichtige in Körperorganen nicht vorgebildete Funktion neuer Art (deutlich zu unterscheiden etwa vom Kratzen mit den Nägeln oder dem Reißen mit den Zähnen); es handelt sich offensichtlich um Ergebnisse echter Erfindung im Sinne der Schaffung eines neuen Prinzips von Technik und Manipulation auf der Grundlage wirklicher Wesens- und Beziehungseinsicht. (3) Nicht vorgegebene Herstellungsweise, d.h. die Werkzeuge sind nicht allein mit Hilfe der naturgegebenen Köperorgane (Hände, Gebiss), sondern wiederum mit Werkzeugen (Schlagsteine) hergestellt, wenngleich diese selbst in der Regel nicht künstlich geformt gewesen sein dürften.

Diese Herstellung von Werkzeugen durch Werkzeuge ist von besonderer Bedeutung, denn sie besagt, dass der Gebrauch des 'primären' Werkzeuges, d.h. Eines in der Regel ungeformten Schlagsteines zwar in der Art seines unmittelbaren Gebrauchs sich nicht vom tierischen Werkzeugverhalten unterscheidet, wohl aber nach dem mittelbar angestrebten Zweck der Herstellung eines weiteren Werkzeugs. Zudem werden auch die ältesten solcherart künstlich hergestellten (sekundären) Werkzeuge („Artefakte“) nicht nur unmittelbaren Zwecken gedient haben, z.B. dem Zerlegen von Tierkörpern; vielmehr macht eine zusätzliche Formgebung das in vielen Fällen unwahrscheinlich und verweist eher auf die Fertigung weiterer (tertiärer) Mittel – Werkzeuge und Waffen – aus anderem Material, z.B. Holz. Auch ohne dies jedoch bedingt schon das einfache 'Werkzeuge zum Werkzeugherstellen' eine zielbewusste – wenn auch einfache – systematische Aufeinanderfolge und Zueinanderordnung mehrerer Schritte und Elemente: Wir erfassen hier offenbar entscheidende Merkmale, die über das uns bekannte tierische Verhalten hinausgehen und – wenn auch alles andere als geradlinig – zur modernen menschlichen Technik führen. (...)“.(3)

An anderer Stelle wird folgende Aussage über die schneidenden Steine getroffen:

„Steinwerkzeuge sind vielleicht die ausdrucksvollsten Überreste unserer Vorfahren. Fossile Knochen verweisen auf körperliche Merkmale – Höhe, Gewicht, relative Körperproportionen -, aber Werkzeuge fügen dem eine unvermutete Dimension des Begreifens hinzu. Sie mögen Millionen Jahre unangetastet herumgelegen haben, aber wir können sicher sein, dass die Hand, die sie vor so langer Zeit schuf, nicht viel anders aussah als die, die sie heute aufhebt. Wir ergreifen sie, überlegen, wie wir sie benutzen können und stellen uns vielleicht vor, dass selbst unser heutiges Leben von ihnen abhängen könnte – was in gewissen Sinn sogar stimmt. Denn unser ganzes Dasein beruht auf dem Erfolg der Lebensweise, die sich unsere werkzeugherstellenden Vorfahren zu eigen machten. Die Schneidkante eines Steines war der Beginn von Kultur und Technologie, und die rohen Steinwerkzeuge, die wir heute finden, stellen ein greifbares Bindeglied zu diesem Beginn dar.“ (4)

Erste derartige Steine mit einer künstlich herbeigeführten schneidenden Seite datieren aus der frühen Altsteinzeit und sind ca. 2,5 Millionen Jahre alt. Sie werden dem Homo habilis, dem „geschickten Menschen“, zugeschrieben. Es handelt sich um Gerölle mit schneidenartiger Kante (Hack- und Schabegeräte - „Chopper“), die sich z.B. dazu eigneten, Knochen aufzuschlagen, sowie kleine dünne messerscharfe Abschläge, mit denen Äste abgetrennt und zugespitzt, Beutetiere aufgeschnitten und zerlegt werden konnten. Die Hauwerkzeuge wurden erzeugt, indem kleine Teile von einem Gesteinsknollen abgetrennt wurde, so dass an einer Seite eine zickzackförmige verlaufende scharfe Kante entstand. Die „Abschläge“ wurden erzeugt, indem von einem Gesteinsknollen ein dünnes scheibenartiges Stück mit ebenfalls scharfen Kanten abgespalten wurde.

Ebenfalls in die Ahnenreihe des Messer kann der Faustkeil oder Faustschneider eingeordnet werden, die wohl bekannteste steinzeitliche Form des Schneidwerkzeuges. Faustkeile waren meist handgroß, aus einem Kernstück gefertigt, das auf beiden Seiten bis zur gewünschten Form geschlagen wurde. Es handelt sich hierbei um ein Universalwerkzeug, das gleichermaßen zum Schneiden, Schaben, Sägen und Kratzen geeignet war. Der Faustkeil wird deshalb auch als „Schweizer Messer“ der Steinzeit bezeichnet. Die Integrierung der schneidenden Funktion in ein Universalwerkzeug ist somit weder eine neue noch eine rein schweizer Erfindung. Die Faustkeile waren die typischen Werkezeuge des Homo erectus, der vor etwa 1,8 Millionen bis vor 200 000 Jahren lebte.

Schon bei Faustkeilen fällt auf, dass diese mitunter außerordentlich sorgfältig und regelmäßig geformt zu sein scheinen, jenseits der rein funktionalen Erfordernisse an die Faustschneider. Dies könnte darauf hinweisen, dass schon in der Steinzeit auch ästhetische Anforderungen an das Schneidwerkzeug gestellt wurden.

Die Bedeutung der ersten Schneidwerkzeuge für das Überleben der menschlichen Spezies kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es waren diese Steinwerkzeuge, die dem frühen Menschen die Nutzung tierischer Nahrungs- bzw. Eiweißquellen (Fleisch, Knochenmark) in größerem Maße möglich machten. Denn mit ihrer Hilfe konnte er Kadaver mit vergleichsweise geringem Aufwand zerlegen oder auch Knochen aufspalten, um an das nahrhafte Mark zu gelangen. Der scharfkantige Stein ersetzte dem Menschen die scharfen Krallen und Reißzähne. Sie ermöglichten dem Menschen schließlich die Herstellung wirksamer Distanzwaffen für die Jagd und die Verteidigung gegen wilde Tiere (Lanzen, Speere, Pfeil und Bogen).

In Lehringen nahe Verden wurde das Skelett eines gewaltigen Waldelefanten entdeckt, in dessen Rippen ein ehemals drei Meter langer Speer steckte. Der Schaft war sorgfältig geglättet worden und lief in einer schlanken scharfen Spitze aus, die im Feuer gehärtet worden war. Am Anfang dieses bemerkenswerten Jagderfolges standen die Steinmesser, mit deren Hilfe der Holzspeer erst geschaffen worden war. Mit ihnen waren die Astansätze geglättet und die Spitze symmetrisch zugerichtet worden. Spitze, scharfe Steine bildeten später dann auch Speer- und Pfeilspitzen und erhöhten damit die Wirksamkeit der Distanzwaffen.

Die schneidenden Gerätschaften – bzw. die geistige Leistung ihrer Nutzung und Herstellung – kompensierten damit die im Vergleich zu den Raubtieren körperlichen Mängel des Menschen und machten ihn erst zu einem erfolgreichen Jäger und überhaupt zu einem erfolgreichen Evolutionsmodell.

Das bekannteste Material für Steinmesser, zumindest im europäischen Raum, ist der Feuerstein bzw. Flint oder Silex. Dies hängt zum einen mit seinem häufigen Vorkommen in unseren Breiten zusammen; zum anderen mit seiner guten Eignung für Steinklingen. Mineralogisch ist Feuerstein eine Siliziumverbindung: SiO2 (Siliziumdioxid). Er ist hart, spröde und spaltbar, an den Bruchflächen sehr scharf. Durch gezielten Abschlag lassen sich Klingenkanten mit glasartiger Schneidequalität schaffen.

Abbildung: Feuersteinmesser (nordischer grauer Feuerstein) aus der mesolithischen Erteboelle-Ellerbek Kultur (5400 - 4000 v. Chr.). Nach dem dänischen Fundort Erteboelle am Limfjord benannt. Es handelt sich um eine späte Jäger- und Sammlerkultur.

 

Neben Feuerstein wurde auch eine Reihe von anderen Gesteinsarten verwendet, z.B. Chalcedon, Jaspis, gewöhnlicher Quarz sowie auch „Jade“, also Nephrit und Jadeit (so im alten China und auch bei den Maori), ebenso Bernstein und Obsidian.

Hergestellt wurden die Steinmesser durch verschiedene Abschlagtechniken, die sich im Laufe der Zeit zu hoher Kunstfertigkeit entwickelten, später kamen noch Schleiftechniken hinzu. Geschickte und geübte Steinschläger brauchten für die Herstellung einfacherer Steinwerkzeuge erstaunlich wenig Zeit.

„Einen hocheleganten, handgroßen Faustkeil kann man in zehn Minuten anfertigen. Etwas zeitraubender war die Herstellung der bis zu bis zu dreißig Zentimeter langen mittel- und jungpaläolithischen speerspitzartigen Blattspitzen. Diese Höchstleistungen der eiszeitlichen Handwerkskunst sind mit einem beinernen Schlegel erarbeitet worden und erhielten bei den eleganten Typen durch Abpressen oder Abdrücken mit einem knöchernen Druckstab ihre endgültige Form.“

Es bedeutete einen großen Fortschritt in der Messerherstellung, die Steinklingen mit einem anderen Material zu verbinden, um deren Handhabung bzw. Griffigkeit zu verbessern.

Abbildung: Steinmesser/schaber mit Schäftung, Rekonstruktion nach jungsteinzeitlichen Vorbildern, die ca. 5500 Jahre alt sind. Das Holzstück wurde ausgehöhlt und die Steinklinge schließlich mit einer Klebemasse darin befestigt.

 

Die verschiedenen im Laufe der Zeit entwickelten Griffkonstruktionen und die genutzten Griffmaterialen stellen einen ganz eigenen Aspekt der Messergeschichte dar. In der Steinzeit waren die wesentlichen Grundformen schon entwickelt, so das Umwickeln des Griffes mit einem griffigen Material (Bast, Leder) oder auch das Verbinden der Klinge mit einem Schaft mit Hilfe geeigneter Klebemasse. Eine derartige Klebemasse existierte mit dem so genannten Birkenpech schon in der Steinzeit.

Das Birkenpech kommt in der Natur nicht vor, sondern muss erst durch ein Destillationsverfahren aus Birkenrinde gewonnen werden. Birkenpech, der als Allzweck-Klebstoff verwendet wurde, wird als der älteste „Kunststoff“ der Menschheit angesehen – was zum ältesten Werkzeug der Menschheit – das Messer – dann ganz gut passt.

Für frühe Klingen fand auch Obsidian Verwendung, ein vulkanisches Glas.

Abbildung: Obsidianmesser in archaischem Stil (Griff aus Knochen, Klinge in eine Kerbe gesteckt und mit Sehnen als Zwinge befestigt).

 

Obsidian hat die gleiche chemische Zusammensetzung wie Feuerstein (SiO2), und damit auch die entsprechenden Eigenschaften.

 

Obgleich die Nutzung bestimmter Steinsorten bzw. vulkanischen Glases, um daraus Schneidwerkzeuge herzustellen, einen elementaren Schritt in der Menschheitsgeschichte darstellt, befand sich die Menschheit gerade erst am Anfang der Suche nach dem für die schneidende Funktion geeignetsten Material für Klingen. Steinklingen sind zwar sehr hart und nutzen sich deshalb nicht wie Stahlklingen ab, andererseits sind sie aber auch spröde und zerbrechlich.

Diese Sprödigkeit macht es einerseits möglich, mittels Abschlägen, d.h. letztendlich dem gezielten Bruch, ein messerähnliches Werkzeug mit scharfen Schneidkanten zu fertigen. Andererseits ist dies Werkzeug dadurch sehr empfindlich auch gegenüber ungewolltem Bruch und Absplittern, so bei härterer Anwendung bzw. härteren Schnittmaterialien. Beim Schnitzen kann schon ein Astloch zu großen Ausbrüchen auf der Schneidkante führen. Wenn eine Steinklinge auf einen harten Boden fällt, kann die ganze Klinge leicht brechen. Dies um so mehr, je dünner und länger die Klinge ist. Es nimmt nicht wunder, dass das Schwert erst in der Bronzezeit erfunden wurde, als das entsprechend zähe Material, das Metall, zur Verfügung stand.

Ein weiteres Merkmal der alten Schneidwerkzeuge aus Stein ist, dass sie nicht über eine längere gleichmäßige glatte Schneide verfügten, sondern mehr eine ungleichmäßige wellenschliffartige oder sägeartige Schneide. Der Kraftaufwand beim Schneiden mit diesem alten Klingenmaterial ist deshalb wesentlich größer, als wir es heute mit unseren Stahlmessern gewohnt sind.

Mit dem Aufkommen der Gewinnung und Herstellung von Metallen (Kupfer, Bronze und Eisen) verloren die schneidenden Steinwerkzeuge im Laufe der Zeit langsam an Bedeutung und verschwanden schließlich.

Eine historische Tatsache jedoch bleibt: Die Schneidkante eines Steines - mit der Hand, die sie schuf und führte - war der Beginn von menschlicher Kultur und Technologie.

 

Literatur

GeoKompakt Nr. 13: Die Steinzeit. 2007

Mandel, Gabriel: Das Messer. Geschichte, Kunst und Kultur. Parkland 1996

Narr, Karl J.: Der Aufstieg des Menschen und seine Entfaltung, in: Paschke, Uwe K. (Hg): Holle Universal Geschichte. 1991.

Probst, Ernst: Rekorde der Urzeit.1992

Reader, John/Gurche, John: Aufstieg des Lebens. Die ersten 3,5 Milliarden Jahre. 1987

Rust, Alfred: Der primitive Mensch, in: Mann, Golo/Heuß, Alfred (Hg.): Propyläen Weltgeschichte. Eine Universalgeschichte. Band I. 1961

Fußnoten

(1) Netzzeitung 03.01.2003 http://www.netzeitung.de/wissenschaft/221221.html

(2) Geo/08, 2005: S. 143/144: In der westaustralischen Shark Bay wurden Ende der 1990er Jahre Große Tümmler, eine Delfin-Art, dabei beobachtet, wie sie sich einen Meeresschwamm über die Schnauze stülpen und vor sich hertreiben. Dies wird damit erklärt, dass die Delfine den Schwamm als Werkzeug nutzen, um sich vor Verletzungen durch scharfe Muschelschalen und Steine zu schützen, wenn sie im Sand und Geröll des Meeresbodens nach versteckten Fischen stöbern. Auch dieses Verhalten wird an andere Delfine weitergegeben. Man kann hier demnach von einer gewissen Kulturleistung (hier unter Wasser) sprechen.

(3) Narr 1991, S. 10/11

(4) Reader/Gurche 1987, S. 180

(5) Mandel 1996; siehe auch de.wikipedia.org/wiki/Chopper_%28Arch%C3%A4ologie%29 Stichwort „Chopper“; siehe auch GeoKompakt Nr. 13 S. 62

(6) Probst 1992, S. 240

(7) Narr 1991, S. 10

(8) http://de.wikipedia.org/wiki/Faustkeil 21.09.2007

(9) Wie Experimente gezeigt haben, ermöglichen die schneidenden Kanten eines Faustkeiles, einen Elefanten zu zerlegen

(10) Rust, 1961

(11) Solche Speere sind auch in Schöningen in Niedersachsen gefunden worden und werden dem Homo erectus, vor ca. 400.000 Jahren, zugeordnet

(12) Rust, 1961