Initiative Messer sind Werkzeuge | Rückblick Eines Sammlers

Rückblick eines Sammlers

Messer, seit frühester Kindheit haben mich diese Werkzeuge, die zu den ältesten in der Geschichte der Menschheit zählen, fasziniert und interessiert. So mag es nicht verwundern, dass sie mich mein Leben lang begleiteten und immer wieder in allen erdenklichen Situationen zum Einsatz kamen.

Sie, liebe Leser, werden hier weder eine Abhandlung der Historie des Messers, noch Klagen oder Gejammer über das neue Waffengesetz mit all seinen sinnlosen Verboten rund um Messer vorfinden. Vielmehr lege ich Ihnen einen persönlichen Rückblick vor, eine kleine Retrospektive, die zurück in zartes Knabenalter reichen wird, an den Start der Geschichte von mir und meinen scharfen Begleitern. Machen Sie sich selbst ein Bild, welche Bedeutung Messer für mich hatten und haben, wofür ich sie einsetzte und wofür nicht.

Initiation und erste Abenteuer

Alles begann im Wald. Schon im Vorschulalter nahm mich mein Großonkel, seines Zeichens naturverbundener Jäger und Sammler, regelmäßig mit in sein Revier, wo ich mich nach Herzenslust austoben durfte. Darüber hinaus war es ihm ein großes Anliegen, mir den Wald und die Natur näher zu bringen. Eines Tages schnitt er mit seinem Taschenmesser einen Steinpilz ab, um mir dessen Aufbau zu zeigen. Als er den glänzenden Blick bemerkte, den ich auf sein Messer warf, sprach er einen Satz, der mich tief beeindrucken sollte: „Ein richtiger Mann hat immer ein Messer in der Tasche!“ 

Nur ein oder zwei Wochenenden später überreichte er mir ein kleines, in Geschenkpapier eingewickeltes Päckchen mit den Worten: „Das brauchst Du in Zukunft, wenn Du mit mir in den Wald gehst!“
Fast fiebrig öffnete ich, den Inhalt erahnend, das Päckchen und fand dort ein kleines Klapptaschenmesser mit einer großen und einer kleinen Klinge, die zwischen zwei gebürsteten Edelstahlgriffen gelagert waren. Ich erinnere mich an die Marke nicht mehr, aber es sah in Größe und Form etwa so aus wie ein Schweizer Messer, nur eben mit gebürsteten Edelstahlplatinen als Griff.
Nun war es also geschehen, ich war zum „richtigen Mann“ geworden.
Worüber Sie, geneigte Leser nun lächeln oder schmunzeln, war für mich eine ernste Angelegenheit. Der Besitz dieses Messers war für mich ein Schlüssel zum Erwachsen werden, ein Schritt vom Kind in Richtung Mann.
Lange habe ich dieses Messer besessen, anfangs stolz bei meinen Freunden herumgezeigt, stets bei mir getragen und gehütet wie meinen Augapfel. Jahre später verlor ich es dann doch aus den Augen. Schade.

Im Grundschulalter, es war in der dritten Klasse, sah ich zum ersten Mal ein richtiges Schweizer Messer, ein Klassenkamerad bekam eines zum Geburtstag geschenkt. Sofort war ich begeistert: Flaschen- und Dosenöffner, Säge, Feile, Korkenzieher, Zahnstocher und Pinzette, alles in einem Messer – eine Sensation!
Natürlich schwärmte ich meiner Mutter so lange von diesem Messer vor, bis ich schließlich zu Ostern 1971 eines geschenkt bekam. Mein echtes Schweizer Messer. Bereits damals war unser Markenbewusstsein ausgeprägt. Es durfte kein billiger Nachbau, es musste das Original sein. Das mit den roten Griffschalen und dem Schweizer Kreuz.
Mein Messer war durch eine Kette gegen Verlieren gesichert. Und durch diese coole Kette konnte jeder sehen, dass ich ein Messer hatte, ein richtiger Mann und schon fast erwachsen war.

Manch einer mag sich fragen, wozu denn ein Kind ein Messer braucht. Bedauernswert sind diese Fragesteller, die wohl nie in einem Zeltlager waren, nie ein Lagerfeuer entfacht und nie ein Baumhaus bauten.
Wir richteten uns mitten im Dickicht geheime Lager ein, die natürlich zuerst gerodet werden mussten. Es wurden Pflöcke angespitzt, Baumrinden geschält, Schnüre gekürzt und schließlich ein Zaun gebaut. Und es galt Steinschleudern, Speere, Bögen und Pfeile zu schnitzen. Nach getaner Arbeit wurden Konservendosen und Flaschen geöffnet, Wurst, Fleisch und Käse geschnitten. Am Abend folgte das obligatorische Lagerfeuer, wofür wir trockene Holzschnitzel zum Anmachen zurechthackten.
Wem all dies zu gefährlich, zu abenteuerlich klingt, dem sei gesagt, dass wir all diese Unternehmungen Dank fachkundiger Anleitung der Jugendbetreuer, durch Vorbereitung unserer Eltern und vor allem gesundem Menschenverstand ohne größere Verluste abschlossen.
Weder vernichteten wir große Waldflächen, noch brachten wir uns mit unseren Speeren, Steinschleudern oder Pfeilen um. Auch Feuersbrünste blieben aus, da wir bei der Wahl des Lagerfeuerplatzes umsichtig genug waren.
Aus uns wurden weder psychopathische Mörder, Umweltsünder, noch Brandstifter - und das, obwohl uns Jugendpsychiatrie, Verhaltenstraining, „Supernanny“ oder „Bootcamp“ unbekannt waren. Wir bauten unsere überschüssigen Kräfte ab, indem wir uns im Spiel austobten. Weswegen auch die Polizei wenig Arbeit mit uns hatte, obwohl wir alle Messerträger waren. Ordnungshüter kamen höchstens ins Spiel, wenn einem von uns das Fahrrad gestohlen wurde.

Mittlerweile wurde meine Ausrüstung durch ein neues Utensil ergänzt, das auch für gröbere Arbeiten geeignet war, und dessen Besitz für jeden Jungen meiner Umgebung absolute Pflicht war. Ich spreche vom guten, alten Fahrtenmesser.
Was habe ich dieses Messer geschunden, als Hebel und Schraubendreher missbraucht, unzählige Male mit einem Sensenwetzstein geschliffen und, als genügte das nicht, als Wurfmesser eingesetzt. Auf eine Zielscheibe, versteht sich. Aber es hat überlebt, bis heute. Ich habe es vor einiger Zeit restauriert und es bekam, wie mein allererstes Schweizer Messer auch, einen Ehrenplatz in der Vitrine.

Mobilität und scharfe Klingen

Jahre später begann für mich das Zeitalter der motorisierten Fortbewegung. Zuerst besaß ich ein Mofa, dann ein 50ccm Kleinkraftrad, liebevoll kurz „Fünfziger“ genannt. Und es kam, wie es für mich kommen musste - ein Springmesser musste her. War es Angeberei, wollte ich Männlichkeit demonstrieren, „für alle Fälle“ gewappnet sein, oder war es nur Spielerei? Möglicherweise von allem etwas.
Fasziniert ließ ich die Klinge so lange mit diesem metallischen Geräusch aufspringen, dass schon nach kurzer Zeit die Feder und der Verschluss dieses 20 Mark Plunders ausgeleiert waren. Ich tauschte es um, schnell war es wieder kaputt.
Und so kam es, dass sich in meiner Motorradjacke fortan wieder mein gutes, altes Schweizer befand, welches für alle anfallenden Schneidarbeiten ausreichte. Ein weiterer Vorteil war, dass der kleine Schraubendreher haargenau in die Madenschraube passte, mit der man die Schraubnippel an Bowdenzügen - das sind die Seilzüge an Zweirädern, mit denen man Gas, Kupplung und Bremse betätigt – befestigt. Jeder, der Mofa oder Moped gefahren ist, kennt das Problem reißender Gasseile. Der umsichtige Biker hatte immer eines in der Jackentasche. Im Falle eines Defektes, wurde kurzerhand das neue Seil eingezogen und mittels Nippel und Madenschraube mit dem Schweizer Messer in der Mechanik des Gasgriffes fixiert.
Nicht nur der kleine Schraubendreher war dienlich, auch mussten das Zündkerzenkabel gekürzt und abisoliert werden, mal klapperte das Nummernschild und der große Schraubendreher kam zum Einsatz, welcher auch als Hebel mannigfaltig einsetzbar war. Elektrische Kontakte wurden mit der Feile abgeschliffen. Nicht fachmännisch, aber es funktionierte.
Ein Schweizer Messer kann zwar keine Werkstattausrüstung ersetzen, doch falls es mitten in der Einöde zu einer Panne kommt, ist das Schweizer in der Jacke jedenfalls besser als der Werkzeugkasten zu Hause.
Vom Messersammeln war ich damals noch weit entfernt. Zwar tummelten sich in meiner Schreibtischschublade diverse Slipjoints, meistens Werbegeschenke, zwei billige Kabelmesser und mein Fahrtenmesser, aber ich griff immer wieder auf mein Schweizer Messer zurück.

Der Dschungelkönig

Mitte der 80er Jahre löste dann „Rambo“ Silvester Stallone mit seinem gleichnamigen Film einen Boom aus, der bis heute ungebrochen ist. Das Survival-Messer.
Das erste Exemplar dieser Gattung, das ich live sah, trug den klangvollen Namen „Aitor Jungle King II“. Ein mittlerweile belächeltes Messer, besonders diese integrierte, infantile Steinschleuder, mit der man Kleintiere und Vögel jagen kann, löste damals wie heute Heiterkeit aus. Das Messer hingegen ist ganz brauchbar. Es hat eine dicke, ausreichend stabile Klinge aus gutem Stahl und einen rutschfesten, hohlen Griff aus Aluminium, in welchem sich unter anderem Sicherheitsnadeln, Pflaster, Bleistift und Pinzette befinden. Verschlossen wird der Griff mit einem Schraubverschluss, welchen ein Kompass ziert, der allerdings mehr Schätzeisen als Messinstrument ist.
Ich stand kurz vor der Einberufung zur Bundeswehr und in meinem Portemonnaie herrschte gähnende Leere. Das Messer kostete im ortsansässigen Messerfachgeschäft 189 Mark. Folglich musste ich verzichten und es weiter durch Schaufensterscheiben bewundern.
Später fand ich das Messer im Schaukasten des Mannschaftsheimes (die Kneipe für Soldaten der unteren Dienstgrade) wieder. Dieses mal für 129 Mark. Der Wirt und ich kannten uns und so handelten wir kurzerhand eine Ratenzahlung für das Messer aus. Die erste der drei Raten bezahlte ich sofort, das Geschäft wurde mit Schnaps besiegelt und ich schwankte mit meiner neuen Errungenschaft in Richtung Kompaniegebäude.
Durch viele Soldatenhände ist das Messer gewandert. Jeder, der es sah, wollte es begrabbeln und ausgiebig begutachten. Alle waren sich einig, dass es gut aussah und bis auf die erwähnte Steinschleuder durchaus seine Qualitäten hatte. Jedenfalls zierte der Dschungelkönig fortan auf Übungen oder Einsätzen im Gelände meine Uniform. Es wurde geschunden und gestoßen, zweckentfremdet und missbraucht – aber es hat durchgehalten, bis heute. Erst vor kurzem habe ich es restauriert und als Andenken an diesen Lebensabschnitt neben mein altes Schweizer Messer in die Vitrine gelegt.
Im Kasernendienst kam das Aitor natürlich nicht zum Einsatz, dafür stellte mir „Vater Staat“ das in Deutschland wohl bekannteste Messer kostenlos zur Verfügung. Das berühmte, olivgrüne Schweizer Bundeswehrmesser. Es war damals mit Abstand der am meisten verlorene, soldatische Ausrüstungsgegenstand. Das gute Stück kostete im zivilen Handel etwa 15 bis 20 Mark, bei der Bundeswehr lag der sogenannte Wiederbeschaffungswert bei 9 Mark. Man meldete folglich sein Messer als verloren, zahlte 9 Mark und bekam ein Neues. Ich weiß nicht mehr, wie viele Freunde ich mit diesen Messern versorgt habe, die Bundeswehr jedenfalls nahm es gelassen. Der Feldwebel der Bekleidungskammer wusste bescheid, grinste bei jeder entsprechenden Verlustmeldung, kassierte die 9 Mark, griff unter den Tresen und überreichte den „Ersatz“. Niemand kam zu Schaden und so mancher zu einem günstigen, guten Messer.

Sammeln und die Schützen

Nach der Entlassung aus der Bundeswehr köchelte meine Sammelleidenschaft bereits auf Sparflamme vor sich hin - ich kaufte das eine oder andere „günstige“ Messer aus den Schaufenstern der örtlichen Händler. Darunter waren einige Lockbacks mit diesen typischen Messingbacken und braunen Holzgriffen. Auch ein besser ausgestattetes Schweizer Messer wurde angeschafft, das mich jahrelang an einer Schlüsselkette fixiert in der Hosentasche begleitete.

Alsbald waren in Deutschland die ersten so genannten Multitools erhältlich, das begehrenswerteste von der Firma Leatherman. Folglich dauerte es nicht lange, bis ein „LM Super Tool“ und ein „LM Micra“ zu meiner noch bescheidenen Sammlung gehörten.
Das „Super Tool“ leistete vor allem durch die Kombizange gute Dienste, eine so stabile Zange gab es bis dahin in keinem Multitool.

Es vergingen aber noch einige Jahre, bis meine Sammlerleidenschaft endgültig ausbrach. Ursache war mein Beitritt in einen Schützenverein, unter dessen Mitgliedern, mittlerweile alles dicke Kumpels, etliche Messerliebhaber waren. Einer von ihnen drückte mir irgendwann mit den Worten: „Hier, da ist bestimmt etwas für Dich drin“ einen Böker-Katalog in die Hand. Ich war entzückt und begeistert, welche Vielfalt und Qualität an Messern erhältlich war. Es dauerte nicht lange und ich bestellte mein erstes Böker-Messer. Ein Arbolito-Bowie, in welches ich mich anhand des Kataloges sofort verliebte.
Fortan erhielt ich den Katalog regelmäßig und folgerichtig auch das nächste Messer, das „Reality Based Blade“ mit glatter Klinge, welches mir von den Fotos förmlich entgegen schrie. Nun brachen alle Dämme und seither kommen - stark begünstigt durch das Internet - in regelmäßigen Abständen neue Stücke, die seither meine Sammlung zieren.

Scharfes Basteln

Durch das Bedürfnis, stets scharfe Messer zu besitzen, hielt ein sehr praktisches und effektives Werkzeug bei mir Einzug: Das Schärfsystem der Firma Lansky, von dem ich durch meine Kumpels aus dem Schützenverein viel Gutes gehört hatte. Fortan waren meine Messer alle rasierklingenscharf, wenngleich es auch mit diesem, als narrensicher geltendem System einiges an praktischer Übung bedurfte, um optimale Ergebnisse zu erhalten. Es versteht sich von selbst, dass ich zuerst meine Billigexemplare schliff, um mich Stück für Stück zu meinen edleren und teureren Messern hoch zu arbeiten.

Aber nicht nur auf einen sauberen, scharfen Schliff legte ich mittlerweile Wert, plötzlich störten scharfe Kanten, hervorstehende Nieten und kleinste Kratzer in den Griffschalen. Auch die Technik meiner Messer musste einwandfrei sein: der Liner musste korrekt stehen und fest verriegeln, das Klingenspiel sollte möglichst gering sein, der Klingengang aber leicht bleiben. Und plötzlich hatte ich ein neues Hobby: Messerbasteln.
Wieder begann ich an meinen billigen Messern zu üben, bis ich es mir auch zutraute, die hochwertigeren Stücke zu verschönern, zu verbessern und umzubauen. Informationen dafür bekam ich im Internet, wo ich alsbald auf das Messerforum stieß. Damit war es endgültig um mich geschehen - was man aus diesem Forum an Informationen und Inspiration herausholen kann, ist ebenso unglaublich, wie die katastrophalen Auswirkungen desselben auf mein Bankkonto - ein Eldorado für jeden Messerliebhaber.

Im Laufe der Zeit haben sich meine handwerklichen Fähigkeiten auf ein Niveau entwickelt, dass ich nicht fürchten muss, auch edelste Messer zu bearbeiten. Sogar einige Auftragsarbeiten habe ich schon angenommen.
Diese Bastlerei, welche sich durch sehr viel manuelle Arbeit auszeichnet, vermittelt mir gleichsam gestalterische Inspiration und Verständnis für präzise Mechanik. Sie ist aber nicht nur Handwerk für mich. Durch die Ruhe, die Entspannung und die Freude, die ich in ihr finde, wirkt sie als meditativer Ausgleich zum Berufsleben, als Ruhepol, an dem ich mich festhalten und aus dem ich Kraft schöpfen kann.

Meine Messersammlung ist mittlerweile auf über 120 Exemplare angewachsen. Vom billigsten Supermarktmesser, bis hin zu Stücken, die jenseits der 200-Eurogrenze liegen, ist alles vorhanden.
Tendenz weiter steigend.

Erlebt und erzählt von Peter Schroeter, alias „smallmagnum“ aus dem Messerforum.

Mein besonderer Dank gilt Steffen für seine tatkräftige Unterstützung bei der Ausarbeitung dieses Artikels.