Initiative Messer sind Werkzeuge | Frau mit Werkzeug

Mein erstes Messer bekam ich mit sechs Jahren von meinem Vater. Mein Vater war ein völlig friedlicher Mensch, der immer ein klappbares Taschenmesser dabei hatte. Sein Messer habe ich bis heute, benutze es jedoch nicht mehr, denn es ist ein Erinnerungsstück.

Mein erstes Messer war ein kleines Taschen-Klappmesser mit einer Klinge und ohne sonstiges Zubehör. Ich habe es zum Abschneiden von Zweigen benutzt, zum Durchschneiden von Schnüren, zum Öffnen von Umschlägen etc. Es war kein Kindermesser, wie sie heute verkauft werden (also mit abgerundeter Spitze), sondern ein ganz normales, kleines Taschenmesser. Ich war seit frühester Kindheit daran gewöhnt, mit Scheren, Papierschneidern etc. umzugehen – und eben mit einem Taschenmesser. Was niemals zur Diskussion stand, war, dieses Messer als etwas anderes als ein nützliches Werkzeug für den Alltag zu verwenden, hätte ich das jemals getan, hätte ich wahrscheinlich immer noch Hausarrest (und ich bin jetzt 42 Jahre alt). Ich war übrigens das einzige Mädchen weit und breit, das über ein Taschenmesser verfügte.

Heute habe ich einige Messer, die auf verschiedene Handtaschen und Rucksäcke verteilt sind – aus praktischen Gründen. Es handelt sich immer noch um Klappmesser mit einer Klinge und ohne sonstiges Zubehör. Meine Ansprüche in Bezug auf Messer sind gestiegen, ich liebe schöne Dinge, vor allem, wenn sie handwerklich gefertigt wurden. Dabei bevorzuge ich französische Messer, da sie schlanker und eleganter sind als deutsche oder amerikanische, die mir optisch zu martialisch sind. Ich habe ein Opinel für Wanderungen und Grillnachmittage, ein Laguiole mit Knochengriff und Damastklinge für meine Lieblingshandtasche und ein laguioleähnliches Messer mit Hornsschalen für die andere Handtasche.

Ich bin überzeugte Pazifistin, und ich habe Messer niemals als Waffen gesehen. Ich persönlich brauche keine großen Messer, keine mit doppelt geschliffener Klinge etc. Ich habe nie gelernt, mich mit einem Messer zu verteidigen und habe und hatte daran auch kein Interesse. Da meine Messer in meinen Handtaschen vergraben sind, zusammen mit drölfzig anderen Dingen vom Lippenstift bis zur Digicam, muss ich jedesmal wühlen, wenn ich etwas schneiden will. Sollte ich mal überfallen werden, würde ich wohl mit der Handtasche zuschlagen.

Natürlich reagieren Menschen befremdet, wenn ich mein Messer heraushole, aufklappe und etwas damit schneide. Das befremdet nun wieder mich, denn es ist für mich ein Zeichen, wie ungesund der Umgang der Bevölkerung mit Dingen ist, die eigentlich völlig natürlich sind. Vor fünfzig Jahren hatte jeder Junge ein Taschenmesser, heute gehen Kinder nicht mal mehr unbegleitet auf den Spielplatz. Die Kindheit findet zumindest in größeren Städten nicht mehr draußen statt, sondern im Kinderzimmer, umgeben von Bergen von Spielzeug, Plastik-Kinderscheren, Fernsehern, Spielekonsolen und hysterischen Eltern, die völlig außer sich sind, wenn ihre Kinder sich mal das Knie aufschlagen. Wir ziehen uns so Bewegungsidioten heran, die man irgendwann guten Gewissens nicht mal mehr ein Steak schneiden lassen kann, weil ihnen dazu die motorische Kompetenz fehlt.

Natürlich sind gewaltbereite Jugendliche ein Problem, aber das Problem ist die Gewaltbereitschaft, nicht der Baseballschläger, die Bierflasche oder eben das Messer, mit dem sie jemanden bedrohen. Unsere Gesetzgeber tendieren dazu, die Verantwortung an Gegenstände zu delegieren und nicht an die Gesellschaft, die es zulässt, dass Jugendliche abseits oder auch innerhalb bürgerlicher Behaglichkeit verwahrlosen und denen dazu nichts einfällt, außer immer mehr Gesetze zu erlassen, deren Wirksamkeit zu bezweifeln ist.

Ich mag schöne Messer, aber ich lehne es ab, daraus einen Kult zu machen, denn das tue ich auch nicht mit einem besonders qualitätvollen Hammer oder einer hochwertigen Zange. Messer sind eben – so schön sie auch sein mögen – Werkzeuge für mich, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich bin keine Messerfetischistin und auch kein Messerfreak, sondern einfach eine Frau mit Werkzeug.

Anne Alter aus Hamburg