Initiative Messer sind Werkzeuge | Erfahrungen in GB

Erfahrungen in GB

 

Für mich waren Messer schon immer Werkzeuge. Das hatte ich auch nie hinterfragt. Ins Grübeln kam ich dann allerdings im Jahre 2002, anläßlich eines Besuchs in Großbritannien.

Ich war mit meiner Frau zu einer Hochzeit auf dem Lande eingeladen und wir reisten bereits einige Tage vorher an, um bei den Vorbereitungen zu helfen. Die Hochzeit sollte in einer historischen Scheune aus dem 16. Jh, weitab jeder Ansiedlung stattfinden. Lange Gesichter gab es, als es ans Dekorieren ging: Es waren Blumen zu kürzen, Efeuranken abzuschneiden, Verpackungen zu öffnen ... und niemand hatte an eine Schere oder ein Messer gedacht.

Ich hatte damals nur gehört, dass es in England sehr strenge Messer-Gesetze gab, kannte sie aber nicht im Detail. Also hatte ich vorsorglich nur ein kleines, billiges Taschenmesser mitgenommen. Die Klingenlänge entsprach etwa der eines Schweizer Taschenmessers.

Als ich dieses Messer aus der Tasche zog und meine Hilfe anbot, zuckten alle Anwesenden sichtlich geschockt zusammen. Ich verstand die Reaktion nicht - aber der Vorfall machte mich nachdenklich.

Abends, nachdem ich mich als Messerfan geoutet hatte, führte ich mit meinen englischen Bekannten eine lange, interessante Diskussion über das Tragen von Messern und die Situation in Großbritannien. Meine Bekannten erklärten mir unter anderem den "Offensive Weapons Act"[1]. Demnach ist das Tragen von Messern jeder Art ohne offensichtlichen Grund verboten. Ja sogar andere Werkzeuge, die als Waffen mißbraucht werden können, dürfen nicht ohne Grund getragen werden[2]. So darf etwa ein Handwerker seine Werkzeugkiste mit Inhalt tragen, wird aber z.B. ein Jugendlicher mit Schraubenzieher in der Londoner U-Bahn angetroffen, hat er ernsthafte rechtliche Konsequenzen zu befürchten. Auch wenn er nur den Computer eines Freundes reparieren wollte.

Dass neben den Regulierungen durch den "Offensive Weapons Act" auch fast alle Arten von Messern explizit durch andere Gesetze verboten sind, habe ich dann ebenfalls erfahren. So war z.B. mein kleines Messer mit 6cm Klingenlänge - weil feststellbar - ebenfalls verboten.

Meine Bekannten schilderten mir dann, wie sehr sie diese Gesetze im täglichen Leben beginderten. Ein schönes Beispiel hatte ich ja schon am gleichen Tag gesehen.

Der britische "Offensive Weapons Act" besteht schon sehr lange, wurde allerdings 1996 noch verschärft. Deshalb ist die Assotiation "Messer = Waffe" bei den meisten Briten so fest verwurzelt, dass sie ganz selbstverständlich ernsthafte Einschränkungen in ihrem täglichen Leben ohne sie zu hinterfragen in Kauf nehmen.

Die Ironie dieser strengen Gesetze ist, dass sie nichts helfen. Irland und Großbritannien sind die gefährlichsten Staaten in der EU [3]. Auch speziell bei den Gewaltübergriffen liegen beide Länder weit vorne [4]. Österreich dagegen, wo alle Messertypen, -längen und -trageweisen erlaubt sind, taucht erst weit hinten in dieser Statistik auf - bei Gewaltdelikten erst auf dem 15. Platz aller EU Staaten.

Seit dieser Hochzeit beobachte ich mit Sorge, wie auch bei uns das Mißtrauen gegenüber selbstverständlichen Werkzeugen wie Messern zunimmt. Ein Grund ist sicher die aktuelle Terrordiskussion, durch die das allgemeine Sicherheitsgefühl stark abgenommen hat.

Leider machen sich die wenigsten klar, dass eine Verteufelung des Werkzeugs "Messer" nicht mehr Sicherheit bringt. Ein Schraubenzieher kann bei Mißbrauch den selben Schaden anrichten. Um das Gefühl der Sicherheit in der heutigen unsicheren Zeit wieder aufzubauen, müssten also wie in Großbritannien alle Werkzeuge verboten werden, die sich zu einer Waffe umfunkionieren lassen. Dass das aber nur das Gefühl der Sicherheit gibt und nicht Sicherheit selbst, zeigt die zitierte Statstik. Kriminelle scheren sich nicht um den "Offensive Weapons Act". Verfehlte Politik kann nicht durch Augenwischerei verbessert werden. Deshalb steht Großbritannien trotz Messerverbots an der Spitze der Kriminalitätsstatistik und Österreich trotz Erlaubnis aller Messertypen am Ende.

Eine aktuelle Bundesratsinitiative[5] des Berliner Innensenators Körting möchte Deutschland, genau wie Großbritannien, zur messerfreien Zone machen und wirbt mit der dadurch gewonnenen Sicherheit. In der in [4] zitierten Studie liegt Berlin, bezogen auf Gewaltdelikte allerdings weit hinter London, wo das Tragen von Messern bereits jetzt verboten ist. Was also soll ein Messer-Trageverbot in der Praxis bringen?

Da ich mich in letzten Jahren ausführlich mit dem Thema "Messer in der Öffentlichkeit" beschäftigt habe, erlaube ich mir hier eine eigene Meinung: Ein Messer-Trageverbot würde nur unser alltägliches Leben behindern, ohne die Sicherheit zu erhöhen. Der richtige Weg zu verbesserter Sicherheit liegt in der konsequenten Umsetzung bestehender Gesetze und in der Verfolgung einer Politik, die bereits die Bildung von Problemzonen verhindert (Jugendarbeit, allgemeines Bildungsniveau, etc.).

Werkzeuge zu verteufeln, die seit Tausenden von Jahren ganz selbstverständlich vom Menschen benutzt werden, ist der falsche Weg. Besonders, wenn so eine Maßnahme außer dem Verlust von Lebensqualität in der Praxis keine Wirkung haben wird.

Dr. Walter Hafner
Unternehmer im IT Bereich,
Inhaber der HighConsulting GmbH & Co. KG

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[1] http://www.uk-legislation.hmso.gov.u...96/1996026.htm
[2] http://www.cps.gov.uk/legal/section12/chapter_c.html
[3] http://www.spiegel.de/panorama/justi...464595,00.html
[4] http://www.spiegel.de/panorama/justi...464770,00.html
[5] http://www.berlin.de/landespresseste...7/10/09/86662/